Atari Corporation, 1991
Atari TOS 2.06
TOS 2.06 war die am weitesten verbreitete Fassung der 2.x-Reihe für Rechner der ST-Familie. Sie brachte einen deutlich erweiterten GEM Desktop mit frei platzierbaren Objekten, Dateizuordnungen und mehr Einstellmöglichkeiten.
Einordnung
TOS 2.06 erschien 1991. Es kam in späteren Mega-STE-Rechnern zum Einsatz und wurde auch als ROM-Aufrüstung für ältere ST- und STE-Modelle genutzt, bei manchen Geräten mit zusätzlicher Adapterplatine. Gegenüber den TOS-1.x-Fassungen der frühen ST-Modelle erhielt der Desktop mehr Einstellmöglichkeiten und komfortablere Bedienung. Für die späteren Atari-Rechner TT und Falcon gab es eigene TOS-Reihen.
ROM, GEMDOS und GEM
Das System lag im ROM des Rechners und stand nach dem Einschalten ohne Laden von Diskette zur Verfügung. Es besteht aus mehreren Schichten. BIOS und XBIOS sprechen die Hardware an. GEMDOS verwaltet Dateien, Laufwerke und das Starten von Programmen und ähnelt in seinen Aufrufen MS-DOS.
Darüber liegt GEM, die grafische Umgebung, deren Grundlage von Digital Research stammt. Das VDI zeichnet Linien, Text und Flächen, das AES verwaltet Fenster, Menüs, Dialoge und Desk Accessories. Der GEM Desktop ist das Programm, das Laufwerke, Ordner und Papierkorb zeigt. Er ist also die Oberfläche und nicht das gesamte Betriebssystem. Die allgemeine Trennung erklärt Desktop, Fenstermanager und Desktopumgebungen.
Eine Hauptanwendung und Desk Accessories
Das klassische TOS 2.06 bot kein allgemeines Multitasking. Wer ein GEM-Programm startete, verließ den Desktop, und erst nach dem Beenden kehrte man dorthin zurück. Es lief also immer genau eine Hauptanwendung.
Desk Accessories waren die begrenzte Ausnahme. Diese kleinen Programme wurden beim Start geladen, blieben im Speicher und ließen sich über das Desk-Menü auch innerhalb einer GEM-Anwendung aufrufen, etwa ein Kontrollfeld oder eine Uhr. Ihre Zahl war begrenzt, und sie liefen nur, wenn die Hauptanwendung dem AES Gelegenheit dazu gab. Multitasking-Erweiterungen von Drittanbietern kamen später hinzu, gehören aber nicht zu TOS 2.06. Den Unterschied der Verfahren erklärt Multitasking.
Der GEM Desktop
Oben liegt eine feste Menüleiste mit den Menüs Desk, File, View und Options. Laufwerke, Papierkorb und ab TOS 2.x auch Ordner, Dateien und Programme lassen sich als Objekte direkt auf dem Schreibtisch ablegen. Ein Doppelklick auf ein Laufwerk öffnet ein Fenster mit dessen Inhalt.
Fenster haben eine Close Box zum Schließen, eine Full Box zum Vergrößern, eine Move Bar zum Verschieben und eine Size Box zum Ändern der Größe. Inhalte erscheinen als Symbole oder als Textliste. Über Save Desktop werden die Anordnung von Fenstern und Desktopobjekten sowie viele Einstellungen in einer Datei auf dem Startlaufwerk gesichert. Unter TOS 2.x heißt sie NEWDESK.INF, die älteren TOS-1.x-Fassungen nutzten DESKTOP.INF. Ein Startmenü oder eine Taskleiste gibt es nicht.
Dateitypen und Zuordnungen
Welche Art Programm eine Datei ist, erkennt der Desktop an der Endung. Daraus folgt, wie er sie startet.
- .PRG
- Programm mit grafischer GEM-Oberfläche. Der Desktop startet es mit Maus und Menüs.
- .APP
- Ebenfalls ein GEM-Programm. Die Endung wurde gleichwertig zu PRG behandelt.
- .TOS
- Programm ohne GEM-Oberfläche. Der Desktop schaltet für die Dauer des Programms auf einen Textbildschirm um.
- .TTP
- Programm ohne GEM-Oberfläche, das vor dem Start Parameter erwartet. Der Desktop fragt sie in einem kleinen Eingabedialog ab.
- .ACC
- Desk Accessory. Es wird beim Systemstart vom Startlaufwerk geladen und erscheint im Desk-Menü.
Über Install Application lässt sich einem Programm eine Dokumentendung zuordnen, sodass ein Doppelklick auf eine passende Datei das Programm mit ihr startet. Das ist eine einfache Zuordnung über die Endung, kein System aus Inhaltstypen wie bei späteren Desktops.
Laufwerke und Dateisystem
Laufwerke tragen Buchstaben: A: und B: für Diskettenlaufwerke, ab C: Partitionen auf Festplatten. GEMDOS nutzt ein FAT-Dateisystem, das mit dem von MS-DOS verwandt ist, sodass sich Disketten oft zwischen Atari und PC austauschen ließen. Dateinamen folgen dem Muster aus bis zu acht Zeichen und einer Endung aus bis zu drei Zeichen. Verzeichnisse werden mit einem Backslash getrennt, etwa C:\TEXTE\BRIEF.TXT. Mehr dazu in Dateisysteme und Pfade.
Bildschirmmodi
Die ST-Familie kannte drei Standardmodi: ST Low mit vielen Farben bei niedriger Auflösung, ST Medium mit wenigen Farben und doppelter Breite sowie ST High in Schwarzweiß mit höherer Auflösung. Welche Modi verfügbar waren, hing vom angeschlossenen Monitor ab: Low und Medium setzten einen Farbmonitor oder Fernseher voraus, High einen Monochrommonitor. Alle drei gleichzeitig auf einem Bildschirm zu nutzen, war nicht vorgesehen.
Hardware
TOS 2.06 läuft auf Rechnern der ST-Familie mit Motorola-68000-Prozessor: ST, STE und Mega STE. Der Mega STE konnte seinen Prozessor schneller takten und besaß einen Cache. Für Programme und Daten reichten anfangs Disketten, Festplatten waren eine verbreitete Erweiterung. Allgemeines zu Prozessoren und Treibern steht in Hardware, Treiber und Architektur.
Vergleich und Umfeld
Der direkte Gegenspieler war der Amiga. Mit AmigaOS 3.1 lief dort präemptives Multitasking, während TOS bei einer Hauptanwendung blieb. Die Gegenüberstellung steht im Vergleich Atari TOS und AmigaOS. Windows 3.11 zeigt, wie die PC-Welt zur selben Zeit arbeitete, gehört aber zu einer eigenen technischen Linie. Die größeren Linien stehen auf der Seite Geschichte.
Typische Merkmale
Menüleiste
Desk, File, View und Options liegen fest am oberen Rand. Es gibt keine Taskleiste und kein Startmenü.
Desktop-Objekte
Laufwerke, Ordner, Dateien und der Papierkorb liegen frei platzierbar auf der Arbeitsfläche.
Ordnerfenster
Rechteckige Fenster mit Close Box, Full Box, Move Bar und Size Box, wahlweise als Symbole oder als Text.
Desk Accessories
Control Panel, Uhr und Rechner sind kleine Zusatzprogramme, die neben einer Hauptanwendung erreichbar bleiben.
Dateizuordnungen
Eine Dateiendung lässt sich einem Programm zuordnen, zum Beispiel TXT einem Editor.
Desktop-Konfiguration
Ansicht, Sortierung, Bestätigungen und Fensterverhalten lassen sich einstellen und mit Save Desktop sichern.
Was die Simulation zeigt und was nicht
Die Simulation zeigt den GEM Desktop mit Menüleiste, Laufwerken A: und C:, Ordnerfenstern mit Symbol- und Textansicht, Show Information, Suche und neuem Ordner. Im Desk-Menü stehen Control Panel, Uhr, Rechner, Systeminformationen und Hilfe als Accessories. Install Application, Desktop Configuration, Save Desktop und die Wahl zwischen Low, Medium und High als Darstellungsprofil sind vorhanden.
Wie im Original läuft immer nur eine Hauptanwendung. Vereinfacht ersetzt in der Simulation eine neu gestartete Hauptanwendung die vorherige, während Ordnerfenster und Accessories offen bleiben. Im Original musste man ein Programm zuerst beenden und kehrte dann zum Desktop zurück. Die Simulation verwendet keine ROMs, keine Diskettenimages, keine Originalsymbole und keine echten Atari-Programme. Es läuft kein Emulator. Dateien, Einstellungen und Desktopobjekte liegen ausschließlich lokal im Browser.