1994 - Workbench 3.1
AmigaOS 3.1
AmigaOS 3.1 ist die bekannteste Fassung des Systems: ein kompakter Kern mit präemptivem Multitasking und eine Oberfläche, die Schreibtisch und Kommandozeile gleichberechtigt nebeneinanderstellt.
Einordnung
AmigaOS 3.1 erschien 1994 und war die letzte Systemfassung, die noch unter Commodore fertig wurde. Kurz darauf ging das Unternehmen in Konkurs, und für längere Zeit folgte keine neue Hauptversion. Für viele Amiga-Besitzer blieb 3.1 deshalb über Jahre der gemeinsame Bezugspunkt. Damals sprach man meist von Kickstart 3.1 und Workbench 3.1, der Sammelname AmigaOS setzte sich erst später durch.
Die Bedienidee war zu dieser Zeit weiterhin eigenständig: Wer wollte, blieb bei den Piktogrammen der Workbench. Wer mehr Kontrolle suchte, öffnete die AmigaShell. Beides griff auf dieselben Datenträger zu, und beides ließ sich mischen.
Exec, AmigaDOS, Intuition und Workbench
AmigaOS ist kein einzelnes Programm, sondern ein Verbund aus Schichten. Exec ist der Kern: Er verteilt Rechenzeit auf Tasks, verwaltet Speicher und vermittelt Nachrichten zwischen Programmen. AmigaDOS stellt Dateisystem, Datenträger und die Befehle der Shell bereit. Intuition ist die Grundlage für Bildschirme, Fenster, Menüs und Gadgets. Die Workbench ist schließlich das Programm, das darauf den eigentlichen Schreibtisch mit Piktogrammen zeigt.
Diese Trennung erklärt, warum ein Amiga auch ohne geladene Workbench nutzbar war, etwa nur mit einer Shell oder einem Spiel, das direkt startete. Mehr zur allgemeinen Aufgabenteilung steht im Artikel Desktop, Fenstermanager und Desktopumgebungen.
Präemptives Multitasking ohne Speicherschutz
Exec arbeitet mit präemptivem Multitasking: Der Kern entzieht einem Task nach einer Zeitscheibe oder bei einem Ereignis die Rechenzeit und gibt sie dem nächsten. Ein Programm musste also nicht freiwillig abgeben, damit andere weiterliefen. Viele zeitgenössische Heim- und Desktopsysteme arbeiteten noch mit einem einzigen Hauptprogramm oder mit kooperativem Wechsel.
Einen Speicherschutz, wie ihn heutige Betriebssysteme bieten, gab es dagegen nicht. Alle Programme teilten sich einen gemeinsamen Adressraum, und Nachrichten wurden oft einfach als Zeiger auf Speicherbereiche weitergereicht. Das hielt das System schlank, bedeutete aber auch: Ein fehlerhaftes Programm konnte fremden Speicher überschreiben und das ganze System anhalten. Die Unterschiede der Verfahren erklärt der Artikel Multitasking, den Speicheraspekt Prozesse und Arbeitsspeicher.
Workbench, Intuition und mehrere Screens
Ein Screen ist auf dem Amiga ein eigener Bildschirm mit eigener Auflösung, eigener Farbpalette und eigener Bildschirmleiste. Die Workbench ist nur einer davon. Programme wie Malprogramme oder Textverarbeitungen konnten einen eigenen Screen öffnen, der genau zu ihren Anforderungen passte.
Mit dem Gadget rechts oben in der Bildschirmleiste oder mit der Maus ließen sich Screens nach vorn holen oder ein Stück herunterziehen, sodass darunter ein anderer sichtbar wurde. Das ist etwas anderes als heutige virtuelle Desktops: Es handelt sich nicht um mehrere Arbeitsflächen desselben Desktops, sondern um tatsächlich getrennte Bildschirme mit unterschiedlichen Anzeigeeinstellungen.
Auf der Workbench selbst liegen Datenträger als Piktogramme. Ein Doppelklick öffnet eine Schublade als Fenster. Fenster tragen Gadgets zum Schließen, Vergrößern, Verschieben und Nach-hinten-Legen. Menüs erscheinen erst, solange die rechte Maustaste gedrückt ist, und zwar in der Bildschirmleiste des aktiven Screens.
Piktogramme, .info-Dateien und ToolTypes
Ein Piktogramm auf der Workbench gehört zu einer eigenen Datei mit der Endung .info, die neben dem eigentlichen Objekt liegt. Darin stehen das Bild des Symbols, seine Position und bei Programmen und Projekten die ToolTypes: kurze Einträge wie DONOTWAIT oder WINDOW=CON:, die ein Programm beim Start auslesen kann.
Dateien ohne .info-Datei zeigte die Workbench standardmäßig nicht an. Über die Option, alle Dateien anzuzeigen, wurden sie trotzdem sichtbar. In der Shell sind beide Dateien ganz normal zu sehen.
Datenträger, Pfade und Assigns
AmigaDOS benennt Datenträger mit einem Doppelpunkt. Das kann ein Gerätename sein wie DF0: für das erste Diskettenlaufwerk oder ein Datenträgername wie Workbench3.1: oder Work:. Wird ein Datenträger über seinen Namen angesprochen, fragt das System nach der passenden Diskette, egal in welchem Laufwerk sie gerade steckt. Unterverzeichnisse werden mit einem Schrägstrich getrennt, etwa Work:Texte/Brief. Eine gemeinsame Wurzel aller Datenträger wie unter Unix gibt es nicht.
Assigns sind logische Namen, die auf Verzeichnisse zeigen. C: führt zu den Befehlen, S: zu den Startskripten, LIBS: zu Bibliotheken und DEVS: zu Gerätetreibern. SYS: steht für den Datenträger, von dem das System gestartet wurde. So konnten Programme feste Namen verwenden, auch wenn die Dateien auf einem anderen Datenträger lagen.
RAM: ist eine RAM-Disk, deren Größe sich nach dem Inhalt richtet. Ihr Inhalt ging beim Ausschalten verloren. Dateien tragen außerdem Schutzbits, etwa zum Lesen, Schreiben, Ausführen und Löschen. Ein Benutzer- und Rechtesystem wie unter Unix ist das nicht. Den Vergleich der Pfadlogik verschiedener Systeme zeigt Dateisysteme und Pfade.
Systemstart: Kickstart und Workbench-Datenträger
Ein wesentlicher Teil des Systems, darunter Exec und Intuition, lag im Kickstart-ROM. Für AmigaOS 3.1 trägt dieses ROM die Fassung 40.68. Der Rest kam vom Workbench-Datenträger, bei Workbench 3.1 mit der Fassung 40.42: Befehle, Bibliotheken, Treiber, Einstellungen und Schriften.
Nach dem Einschalten suchte das System nach einem startfähigen Datenträger und arbeitete dann das Skript S:Startup-Sequence ab. Dort werden Assigns gesetzt, Treiber eingebunden und am Ende die Workbench geladen. Eigene Ergänzungen gehörten meist in eine getrennte Datei namens User-Startup. Den allgemeinen Ablauf erklärt Bootvorgang und Systemstart.
Hardware und Chipsatz
AmigaOS läuft auf Prozessoren der Motorola-68000-Familie. Typische Rechner für 3.1 sind der Amiga 1200 und der Amiga 4000 mit dem AGA-Chipsatz, der mehr Farben und neue Bildschirmmodi ermöglichte. Die ROMs für 3.1 gab es aber auch für ältere Modelle, die kein AGA besitzen. AGA ist also Hardwarekontext, keine Voraussetzung des Systems.
Eine Besonderheit der Plattform waren die Spezialchips für Grafik, Ton und Datenübertragung. Speicher, auf den diese Chips zugreifen konnten, hieß Chip-RAM, zusätzlicher Speicher nur für den Prozessor Fast-RAM. Deshalb nennt der Befehl Avail beide Werte getrennt. Allgemeines zu Prozessoren und Treibern steht in Hardware, Treiber und Architektur.
Commodities und Exchange
Commodities sind kleine Hintergrundprogramme, die Eingaben beobachten oder kleine Aufgaben erledigen: ein Fenster per Klick nach vorn holen, den Bildschirm nach einer Weile abdunkeln oder Tastenkürzel bereitstellen. Exchange ist das Verwaltungsprogramm dafür. Es listet laufende Commodities auf und erlaubt, sie vorübergehend abzuschalten, ihre Oberfläche zu zeigen oder sie zu beenden.
Netzwerk und Software
AmigaOS 3.1 brachte keinen eingebauten TCP/IP-Stack mit. Wer ins Internet oder in ein Netzwerk wollte, installierte zusätzliche Software und meist auch eigene Treiber für Modem oder Netzwerkkarte. Internet war für Heimanwender 1994 ohnehin eher die Ausnahme. Programme wurden in der Regel als Diskette ausgeliefert und mit einem Installationsprogramm oder per Hand in eine Schublade kopiert, ähnlich wie im Artikel Softwareinstallation und Paketverwaltung für die frühe Zeit beschrieben.
Historische Bedeutung
In Erinnerung blieb AmigaOS vor allem durch die Verbindung von präemptivem Multitasking, getrennten Screens und der engen Verzahnung von Workbench und Shell auf Heimcomputern. Der Kontrast zu einem System mit einer Hauptanwendung zeigt sich auf der Seite Atari TOS 2.06 und im Vergleich Atari TOS und AmigaOS. Wie die PC-Welt kurz darauf mit Windows 95 arbeitete, zeigt der Vergleich AmigaOS 3.1 und Windows 95. Die größeren Linien stehen auf der Seite Geschichte.
Kennzeichen im Überblick
Bildschirmleiste
Die Leiste oben zeigt Menüs, den freien Speicher und rechts das Gadget zum Blättern zwischen Bildschirmen.
Schubladen statt Ordner
Verzeichnisse heißen Schubladen und öffnen sich als Fenster mit Piktogrammen oder als Liste.
ToolTypes
Zu einem sichtbaren Objekt gehört eine .info-Datei mit Symbol und Einstellungen. Darin stehen Zeilen wie WINDOW=CON: oder QUIET.
Assigns
Logische Namen zeigen auf Verzeichnisse. C: enthält Befehle, S: die Startdateien, DEVS: Gerätetreiber und Gerätebeschreibungen.
Commodities
Kleine Helfer wie ClickToFront oder Blanker liefen im Hintergrund und ließen sich über Exchange ein- und ausschalten.
Ram Disk
Ein Teil des Arbeitsspeichers erschien als eigener Datenträger RAM: und eignete sich für kurzlebige Dateien.
Wichtige Befehle der AmigaShell
| Befehl | Bedeutung |
|---|---|
| List | Zeigt den Inhalt einer Schublade mit Größe, Schutzbits und Datum. |
| Dir | Kurze Übersicht über Schubladen und Dateien. |
| CD | Wechselt in eine andere Schublade oder auf einen anderen Datenträger. |
| Copy | Kopiert Dateien, in der Simulation nur nach Work: oder RAM:. |
| Assign | Zeigt die logischen Namen oder setzt einen neuen. |
| Avail | Nennt den freien Chip- und Fast-Speicher, hier mit erfundenen Werten. |
| Type | Gibt den Inhalt einer Textdatei aus. |
| Version | Zeigt die Fassungen von Kickstart und Workbench. |
Eine größere Übersicht steht auf der Seite Befehle im Vergleich.
Was die Simulation zeigt
Die Simulation zeigt die Workbench mit Bildschirmleiste, Datenträgern, Schubladen und Papierkorb. Über das Gadget in der Bildschirmleiste lässt sich zwischen dem Workbench-Screen und einem zweiten, einfachen Demo-Screen wechseln. Ein Informationsfenster zeigt ToolTypes. Die AmigaShell kennt eine feste Auswahl von Befehlen, darunter Assign, und die Datenträger Work: und RAM: sind beschreibbar.
Dazu kommen der Editor ED, MultiView, Rechner, Uhr, Einstellungen für ScreenMode, Palette, Muster und Zeit, Commodities Exchange, Systeminformationen und eine AmigaGuide-Hilfe.
Grenzen der Simulation
- Kein echtes AmigaOS und kein Emulator: die Oberfläche ist nachempfunden, es werden keine Systemdateien ausgeführt.
- Keine Kickstart-ROMs, keine Originalsymbole, keine Originalschriften und keine Programme aus dem Original.
- Die AmigaShell ist eine Simulation mit fester Befehlsliste. Freie Eingaben werden nicht ausgeführt.
- Es gibt keinen Zugriff auf Dateien, Geräte oder Netzwerke des Besuchers.
- Alle Angaben zu Prozessor, Speicher und Laufwerken sind erfunden.